Meine ganz persönliche Geschichte vom Leben und Tod.

Geburtstag Todestag

Der 02. Juni: Was passiert wenn wir sterben?

Ich weiß es nicht. Wie viele andere habe ich verschiedene Gedanken, Theorien und Vorstellungen. 

Mein Leben lang habe ich meine Liebsten um mich gehabt. Die Familie war einfach immer da, ob ich wollte oder nicht. Eine große, laute und meistens sehr warmherzige Familie. Auch wenn nicht alles immer ganz rund lief, ich bin froh drum. Krankheit war nie ein gegenwärtiges Problem oder Thema. Unfälle passierten – anderen. Verlust und Schmerz kannte ich nur aus Filmen. Wir blieben lange Zeit verschont. Wir hatten Glück. 

Das erste Mal träumte ich mit sechs Jahren von einer Herzoperation. Da lag Oma Nazli (Anneanne) auf dem Op-Tisch und Ärzte standen um sie herum. Sie hatten ein Holzherz in der Hand an dem sie voller Konzentration herumschraubten. Kurz darauf erfuhren wir, dass meine Oma eine Bypass Op hatte. War das Zufall? Oder hatte ich unbewusst ein Erwachsenengespräch mitgeschnitten und das Gehörte in der Nacht verarbeitet? Das weiß ich nicht. 

Lange Zeit waren Krankheit und Angst wieder fort. Zum Glück.

Doch ich begegnete viele Male dem Tod – oft aus der Ferne. Manchmal unmittelbar vor mir, aber fremd. Ja ich dachte lange Zeit der Tod, ja der Tod, ist nicht mein Thema. Damit werde ich mich nicht beschäftigen. Warum auch? Ich habe ja auch noch nie vorher was über Schattengewächse gelesen bis ich einen Balkon zur Nordseite hatte. Also fuhr ich fort das Thema nicht an mich ranzulassen.

Meine Anneanne starb. Jahre nach der OP. Ganz plötzlich. Drei Tage zuvor hatte sie noch lecker gekocht. Karniyarik (wortwörtlich: gespaltener Bauch) das klingt zwar brutal, aber eigentlich ist die mit Hack gefüllte Aubergine unglaublich lecker. Warum ich das erzähle? Ich weiß es nicht. Anneanne war eine ganz besondere Frau. Ich habe sie NIE schimpfen hören – nicht ein einziges Mal. Zum ersten Mal fragte ich mich bewusst: „was passiert wenn wir sterben?“

Schon damals war mir persönlich so als könne das nicht alles gewesen sein. Um dem neu errungenen Gefühl Ausdruck zu verleihen, entschied ich mich für mein erstes Tattoo. Mit 15. Ein chinesisches Schriftzeichen. Das Wort Seele. Ich dachte damals „ja genau, die Seele währt immer!“ Irgendwie machte das Sinn. Komischerweise sogar auf chinesisch.

Lange Zeit hatte ich wieder Glück. Vielleicht lag es ja am Tattoo, das in Wirklichkeit möglicherweise Kleeblatt oder Hufeisen hieß. Ich weiß es nicht. 

Irgendwann hat es einen Freund getroffen. Ganz plötzlich. Viel zu jung. Wir hatten zu dem Zeitpunkt schon ein paar Monate nicht mehr miteinander geredet. Habe ihm etwas nachgetragen. Der Verlust traf mich. Veränderte mich. Durch den Verlust lernte ich, dass das Leben nicht selbstverständlich ist. Jeder Tag ist so unfassbar kostbar. Außerdem hielt er mir den Spiegel vor. Was hatte ich nun von meiner Sturheit? Ich habe die Chance verpasst am Leben eines ganz tollen Menschens teilzuhaben. Dabei wollte ich den alten Italiener doch noch mit meinen neuesten italienisch Sprach-Skills beeindrucken. Ciao Niko mein Freund ☀️ vielleicht ergibt sich ja irgendwann, irgendwie oder irgendwo nochmal die Möglichkeit. Ciao heißt ja nicht immer gleich ciao. Ich weiß es doch nicht.

Dann starb mein Opa Hüseyin, der Dede, der zu Anneanne gehörte. Er wurde alt. Durfte insgesamt ein schönes Leben genießen, aber er vermisste seine geliebte Frau sehr. Schon so lange. Als er durch einen unerwarteten Unfall im Krankenhaus landete und seine Kinder darüber debattierten, ob ein großer Eingriff nötig sei oder nicht, schlief er ganz friedlich ein und nahm allen diese schwere Entscheidung ab. Ein ganz toller Mann. Ein Fels. Ein Macher. Hatte alles perfekt für „danach“ geplant. Auf keinen Fall jemandem zur Last fallen – so war er eben.

Dieser Verlust war schon nicht ganz ohne. Auch zu wissen Oma und Opa sind nun beide nicht mehr. Zumindest vorerst. Ich weiß es doch auch nicht.

Es gab ein paar weitere Geschichten und schmerzhafte Verluste, die es wert wären erzählt zu werden, aber wir wollen ja auch endlich mal zum eigentlichen Geschehen kommen – zum 02. Juni.

Mein geliebter Opa Müslüm – auch die anderen Großeltern habe ich aus ganzem Herzen geliebt – doch Dede hatte einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Er war besonders cool. Immer. Nie habe ich ihn wütend oder sauer erlebt. Und ich sag’s euch das ist gar nicht mal so einfach bei einer so lauten, extrovertierten Familie. Jedenfalls Dede war… wie soll ich sagen? Mein ganz persönlicher Held. Man muss nicht ständig aufeinander sitzen oder sich andauernd sprechen und sehen. Es genügt, wenn die wenigen gemeinsamen Momente einfach voller Leben und Liebe sind. 

Also um wieder zurückzukommen, nach einer unfassbar kurzen Krankheit ist Dede leider von uns gegangen. Das Verrückte daran? Opa war nicht besonders gläubig. Doch er starb während meine älteste Cousine neben ihm betete. In der ersten Freitag-Nacht während des Ramadans 2017. Im Islam ist das ein sehr gutes sowie bedeutsames Zeichen. Viele weitere „Zufälle“ reihten sich diesen ominösen Zeichen an. War das alles nur reiner Zufall? Selektive Wahrnehmung? Oder sogar Wunschdenken? Das weiß ich nicht.

Genau zwei Jahre nach diesen vermeintlich übersinnlichen Zeichen sollte ich einen Sohn gebären. Deutlich später als an dem vom Arzt errechneten Geburtstermin. Mein Sohn hat auf sich warten lassen. Tagelang lag ich im Krankenhaus. Ich wusste längst nicht mehr welcher Tag es ist. Doch dann kam er – am 02. Juni auf die(se) Welt. Während Ramadan 2019. Man könnte doch nun fast meinen, das war wirklich mal ein Zeichen. Aber sagen wir es wie es ist: Ich weiß es doch nicht.

Was ich dagegen sehr wohl weiß: Ich vermisse euch alle und hoffe, dass das nicht alles gewesen ist.

Heute feiern wir den 2. Geburtstag unseres kleinen Sonnenscheins und Gedenken allen Verstorbenen mit einem Lächeln 🙂 cheers 🥂