Gründung zwischen Vollgas und Vollbremsung

Gründung Corona

Das eigene Unternehmen will gut geplant sein. Doch wie kann man in Zeiten von Corona wirklich planen? Ratgeber gibt es viele – für unseren Businessplan haben wir damals das Buch von Frau Anna Nagl herangezogen. Dieses war auch zweifelsohne hilfreich und strukturiert. Doch, dass während der Gründung eine weltweite Pandemie ausbricht, das haben wir beim besten Willen nicht kommen sehen. In unserer SWOT-Analyse haben wir denkbar viele ungünstige Szenarien einfließen lassen und dabei überlegt wie wahrscheinlich der Eintritt eines solchen Ereignisses ist. Naja – Corona stand leider nicht auf unserem Plan. Ebenso nicht KiTa-Schließungen, systemrelevante Männer und die quasi unmöglich gewordene Akquise.

Die Idee zu unserem Vorhaben ist aus einer ganz persönlichen Geschichte entstanden und hat uns vor Augen geführt, dass es Integration und ausnahmslose Gerechtigkeit noch längst nicht in alle Bereiche geschweige denn Branchen geschafft hat. Mit einem ganz neuen Produkt, das dementsprechend Klärungsbedarf hat, versuchen wir auch noch in einen Markt einzutreten, der nicht gerade für seine besonders starke Digitalisierung bekannt ist. 

Neugründungen sind natürlich immer eine Herausforderung. Gerade zu Beginn besteht ein überdurchschnittlich hohes finanzielles Risiko für den Gründer – gepaart mit enormer psychischer Belastung und purem Stress.

Doch was tun, wenn man ausgerechnet zu dieser Zeit gründet, in der die gesamte Welt ausgebremst wird?

Kämpfen, kämpfen und noch mehr kämpfen.

Anders lässt sich der Zustand der letzten Jahre gar nicht festhalten. Ständig „Trial and Error“, unaufhörlich reagieren, optimieren, immer wieder anpassen… Zurücklehnen und abwarten sind in den ersten zwei bis drei Jahren erstmal Fremdwörter.

Für unerwartete Probleme waren wir wirklich gewappnet, aber dieses Ausmaß konnte niemand erahnen. Natürlich haben wir finanzielle Puffer und verschiedene Herangehensweisen schon vorab zusammengetragen. Doch auf dieses Szenario hat und konnte uns ja auch niemand vorbereiten. Weder darauf, dass wir beide gesundheitliche Probleme bekommen – noch, dass wir an einen Punkt kommen werden, an dem wir die Sparbüchsen unserer Kinder plündern müssen.

Natürlich gestehen wir uns auch ein an manchen Stellen Fehler gemacht zu haben. Dazu zählt bspw. die Auswahl unserer Geldgeber und deren Knebelverträge, vertrödelte Zeit bei dem Punkt Akquise oder einige unnötige Investitionen, die wir uns hätten sparen können. Später weiß man es bekanntlich immer besser. Aber genau das ist das Wertvolle. Auch wenn es oft schwer fällt Niederlagen oder Rückschlägen etwas Positives beizumessen – so können wir kostbare Erkenntnisse daraus gewinnen, um es zukünftig einfach besser zu machen.

Gerade deshalb sind wir so froh und dankbar an der Jade Hochschule – wo auch unsere Reise begann – im Peergroup Mentoring der Jade Startup Box nebenher andere junge Gründer auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. Was wir im Gegensatz zu herkömmlichen Gründungsberatern tun? Wir erzählen niemandem wie es zu laufen hat. Ganz ehrlich – wir teilen einfach offen unsere Fehler mit, um andere davor zu bewahren. Und wie wir uns damit fühlen? Großartig.

Selbstverständlich rücken einem auch die Geldgeber nun auf die Pelle und wollen unter all den Umständen utopische Umsätze sehen – was sie nicht begreifen? Es gab bis Herbst diesen Jahres noch keine Messen und auch sonst stark begrenzte Möglichkeiten in den letzten 1,5 Jahren, um Menschen aus der Branche kennenzulernen. Unser einziger Weg war dementsprechend die gute alte Kaltakquise á la Klinkenputzen. Das gehört natürlich dazu, nur besagt die Statistik, dass etwa 4% der Kaltakquise zu einem erneuten Austausch führt. Wie also sollten wir die Zahlen erfüllen, die wir einst geplant haben?

Noch enttäuschender ist die Tatsache, dass wir als frischgebackene Gründer ohne Vorjahreszahlen auch keine Unterstützung vom Staat erhalten haben. Dazu kommt, dass wir sogar von dem tollen Preis, den wir über Plug & Work gewonnen haben, nicht in vollem Umfang Gebrauch machen konnten. Dabei sind uns traurigerweise wertvolle Coachings und Beratungsmöglichkeiten durch die Lappen gegangen. Danke Corona, COVID-19, SARS-CoV-2! Es gibt eigentlich nur noch eine perfidere Sache an all dem und das ist der Satz, den wir uns etliche Male anhören durften: „Corona – muss euch ja voll reingespielt haben!“ – Lasst uns gemeinsam überlegen: Ähhhm… Nein!

Die Entwicklung unseres Produktes und die damit einhergehenden Prozesse sowie der gesamte Aufbau des Webauftritts bedurfte einer unglaublich detaillierten Planung. Die Umsetzung kostete viel Zeit, Budget und Kraft. Es handelt sich letztlich um ein komplett neues Produkt, das von der Pike auf durchdacht und aufgebaut werden musste. Es ist eben nicht die zehnte Dating App, dessen Idee bei einem Frozen-Joghurt im Szenecafé ganz plötzlich entstanden ist und bei der es zahlreiche vergleichbare Angebote gibt, an denen man sich hätte orientieren können.

Gerne geben wir euch auch einen Eindruck darüber, womit wir uns seit der Gründung so alles beschäftigen:

1,2,3,4,5… Businesspläne, Finanzplanung, Produktentwicklung und -optimierung, Produktionsverfahren, Verträge mit Partnern, Webseiten Erstellung, Content Creation, Grafik & Design, Texten, Übersetzungen, Social Media, Finanzbuchhaltung, Versicherungen, Rechtsangelegenheiten, Datenschutz, AGB, SEO/SEA, Vertrieb, Recherche, …Da kann man zwischendurch glatt das Atmen vergessen.

Lange Rede kurzer Sinn:

Seit Gründung am Valentinstag 2020 sind wir durch Höhen und Tiefen gegangen. Wir sind jeden Tag aufs Neue über uns und unsere Grenzen hinausgewachsen. Das ist verdammt hart, kostet viel Kraft und bedeutet Verzicht an vielen Stellen – sei es die eigene Familie, Freunde, Hobbys oder eben auch das eigene „Ich“. Deswegen ist die Achtsamkeit essentiell für uns geworden, denn die eigene Gesundheit und die unserer Liebsten ist immer das Wichtigste. Das haben wir selbst schmerzlich empfinden müssen, denn jeden Tag mit den Tod zu arbeiten öffnet einem doch recht schnell die Augen.